Gigawatt-Schallmauer im Windland Nummer 1 durchbrochen

LEE NRW

In Nordrhein-Westfalen hat es 2025 einen bislang noch nicht gekannten Windenergie-Boom gegeben – zur Freude des Landesverbandes Erneuerbare Energien NRW. Damit das Ausbautempo nicht gedrosselt wird, muss der Netzsektor schnell ausgebaut und verstärkt werden.

Der Windenergieausbau in NRW hat bislang noch nicht gekannte Dimensionen erreicht, erstmals ist beim Zubau die Gigawatt-Grenze (> 1.000 Megawatt) geknackt worden: Der Landesverband Erneuerbare Energien NRW (LEE NRW) geht nach einer vorläufigen Auswertung [1] des Marktstammdatenregisters von einem landesweiten Zubau von 259 Windenergieanlagen mit einer Brutto-Leistung von 1.346 Megawatt (MW) für das vergangene Jahr aus (Stand: 7. Januar 2026).

Das sind fast 80 Prozent mehr als im Vorjahr. Da in den zurückliegenden zwölf Monaten auch ältere Anlagen abgebaut wurden, beträgt der Nettozuwachs 1.288 MW. Damit ist NRW im vergangenen Jahr sowohl beim Brutto- als auch beim Nettozubau vor Niedersachsen und Schleswig-Holstein bundesweit die Nummer eins.

LEE NRW-Geschäftsführer Christian Vossler zeigt sich mit dieser Entwicklung durchaus zufrieden: „Die Zahlen sehen in der Tat super aus. Der letztjährige Zuwachs beweist eindrucksvoll, was beim Windenergieausbau möglich ist, wenn Politik, die Windenergiebranche und die Genehmigungsbehörden ein gemeinsames Ziel haben.“ Vossler geht davon aus, dass es auch im laufenden Jahr einen Zuwachs bei der Windenergieleistung von durchaus über 1.500 MW geben wird: Dafür sprechen die vorliegenden Genehmigungen mit einem Volumen von mehr als 6.000 MW Leistung.

Der Blick nach vorne ist allerdings nicht ungetrübt: „Der weitere Windenergieausbau im bisherigen Tempo wird kein Selbstläufer werden. Es gibt einige Probleme, die der Windbranche zunehmend große Bauchschmerzen bereiten“, so Vossler.

Dazu zählen nicht nur als Dauerbrenner die maroden Autobahnen und Brücken, die die Transporte der voluminösen Bauteile für die Windenergieanlagen erschweren, verzögern und verteuern. Die in diesem Jahr anstehende Novelle des Erneuerbare-Energien-Gesetzes mit noch unklarem Ausgang dürfte die finanzielle Absicherung von Investitionen in Erneuerbare Energien und damit den Bau neuer Windparks erschweren.

Inzwischen erweist sich der fehlende Netzausbau als Haupthindernis für den weiteren Ausbau der Windenergie. „Was nutzen uns die vielen, mittlerweile immer schneller erteilten Genehmigungen, wenn die Netze nicht vorhanden sind, um den Strom aufzunehmen?“, klagt Steffen Lackmann, Geschäftsführer der Hellwegwind GmbH mit Sitz in Paderborn. „Seit Jahren mahnen wir den schleppenden Netzausbau an. Während wir als Windbranche gemeinsam mit der Politik die Realisierungszeiten von Windenergievorhaben quasi halbiert haben, ist der Netzausbau komplett verschlafen worden.“

Aus Sicht des LEE NRW werden fehlende Netze und deren schleppender Ausbau zunehmend zur Achillesferse für den weiteren Windenergieausbau: „Von Antragsstellung bis Inbetriebnahme eines Windparks vergehen derzeit etwa dreieinhalb Jahre. Warum dauert es beim Netzausbau aktuell weit über 10 Jahre? So kann die Energiewende nicht funktionieren!“, insistiert Lackmann, „Und dieser Strom wird gebraucht, am bundesweiten Gesamtenergieverbrauch liegt der Anteil von grünem Strom erst bei 22 Prozent!“

Beispielshaft verweist der Hellwegwind-Geschäftsführer auf die Situation in Ostwestfalen-Lippe: Zwischen Paderborn und Nordhessen gibt es aktuell die meisten Netzengpässe, die bereits seit 2016 bekannt sind. Der Ausbau der entsprechenden Hochspannungsleitungen ist aber erst für 2030 vorgesehen. Schon jetzt wird in der Region jährlich erneuerbarer Strom abgeregelt, der 90.000 Haushalte versorgen könnte. Die Kosten dafür tragen die Verbraucher, nicht die Netzbetreiber als Verursacher.

Weiteres Ärgernis: „Im aktualisierten OWL-Regionalplan werden rund 90 Prozent aller neuer Flächen in den Kreisen Höxter und Paderborn ausgewiesen. Bis dort die zusätzlichen notwendigen Netze geplant und gebaut sind, werden Jahre vergehen. Bei uns in der Region sind deshalb mehrere hundert Megawatt an genehmigter Windenergieleistung betroffen, die möglicherweise nicht umgesetzt werden können“, so Lackmann.

Und nicht nur das: In Ostwestfalen-Lippe sind für die kommenden 15 Jahre Investitionen bei den erneuerbaren Energien in Höhe von schätzungsweise 16 Milliarden Euro geplant, sieben Milliarden Euro davon entfallen allein auf den Windenergiesektor. „Dieser Investitionsbooster ist massiv gefährdet, wenn nicht endlich mehr Tempo beim Netzausbau gemacht wird“, so Lackmann. Wie sehr der Windkraftausbau der NRW-Wirtschaft einen kräftigen Schub verschaffen könnte, zeigen folgende Berechnungen vom LEE NRW: Mit den derzeit vorliegenden Genehmigungen für rund 6.100 MW sind Investitionen von knapp 10 Mrd. Euro verbunden. „Welche andere Branche hat so etwas zu bieten?“, fragt LEE NRW-Geschäftsführer Vossler.

Große Sorgen machen ihm zunehmend Signale aus der Bundespolitik: „Wenn die zuständige Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche und ihr ehemaliger Chef, der Eon-Vorstandsvorsitzende Leonhard Birnbaum, gemeinsam fordern, den Ausbau der Erneuerbaren Energien an den verschleppten Netzausbau anzupassen, dann ist das ein kräftiger Tritt auf das Bremspedal, der den von der Politik versprochenen wirtschaftlichen Aufschwung verzögert.“

Der LEE NRW setzt deshalb darauf, dass die Landesregierung alles unternimmt, dass das Tempo beim Netzausbau endlich forciert wird und bestehende Netzkapazitäten effizienter genutzt werden. „Die schwarz-grüne Regierung wäre schlecht beraten, wenn sie sich um die Früchte ihrer erfolgreichen Windenergiepolitik bringen würde“, so Vossler.

[1] Es kann noch zu leichten Verschiebungen kommen, da Betreiber, deren Windturbinen im Dezember in Betrieb gegangen sind, dies noch bis Ende Januar ans Marktstammdatenregister melden können.

Das NRW-Windjahr 2025

Quelle: Landesverband Erneuerbare Energien NRW e. V. (LEE NRW) vom 12.1.2025
www.lee-nrw.de

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