
Die Präsidentin des Bundesverbands WindEnergie (BWE), Bärbel Heidebroek, spricht im Interview mit DIE ZEIT über den gefährlichen energiepolitischen Kurs der Bundesregierung, einen möglichen Ausbaustopp beim Windenergieausbau und die Folgen für den deutschen Wirtschaftsstandort. Die Fragen stellte Marlies Uken.
DIE ZEIT: Frau Heidebroek, die Regierung will die Energiewende günstiger machen und hat dafür jüngst zwei Gesetze verabschiedet. Als Vertreterin der wichtigsten Ökostrombranche in Deutschland kritisieren Sie diese scharf. Was ist denn so schlecht an mehr Kosteneffizienz?
Heidebroek: Natürlich bin ich dafür, die Energiewende kosteneffizient zu machen. Aber sie wird doch nicht günstiger, wenn ich sie abschaffe! Und darauf laufen die Gesetze dieser Bundesregierung letztlich hinaus: Erneuerbare Energien werden weitgehend abgeschafft. Dann kosten sie auch kein Geld mehr. Aber: Dann habe ich eben auch keine Energie mehr.
DIE ZEIT: Jetzt übertreiben Sie aber. Die geplante Reform des Erneuerbare-Energien-Gesetzes und das Netzpaket würden den Ausbau der Erneuerbaren doch nicht zum Erliegen bringen.
Heidebroek: Wenn die Gesetze so durchgehen, würde er aber gewaltig ausgebremst. Es gab ja immer das Wort von der Altmaier-Delle…
DIE ZEIT: Sie meinen den ehemaligen CDU-Wirtschaftsminister, in dessen Amtszeit der ÖkostromAusbau sich extrem verlangsamte…
Heidebroek: Genau. Wenn die Pläne von Ministerin Reiche so kommen, wäre das mehr als eine Delle – das wäre ein wirklicher Rückschritt ins fossile Zeitalter. Die Regierung verkauft dieses Paket als Weiterentwicklung und Fortschreibung der Energiewende, aber tatsächlich riskiert sie einen Ausbaustopp. Noch nie zuvor hat eine Regierung den Sachverstand der Praxis so ignoriert wie mit diesem Vorhaben.
DIE ZEIT: Was sind Ihre wichtigsten Kritikpunkte?
Heidebroek: Am meisten schmerzt uns eine Regelung für Regionen, in denen schon jetzt viel Ökostrom im Netz ist und wo Solarparks und Windräder deshalb abgeregelt werden müssen. Dort sollen neue Anlagen künftig keine Entschädigung mehr bekommen, wenn der Netzbetreiber sie wegen Überlastung des Stromnetzes abregelt. Für Betreiber bedeutet das, dass sie pauschal rund 20 Prozent weniger Erlöse einkalkulieren müssen. Katastrophal ist zudem die viel zu niedrige Schwelle für diese neue Regelung. Wenn mehr als fünf Prozent der erwarteten Stromproduktion nicht eingespeist werden können, sollen Entschädigungen wegfallen. Das verschlechtert die Finanzierungskonditionen massiv und führt dazu, dass Projekte in diesen Regionen nicht mehr finanzierbar sind.
DIE ZEIT: Aber wenn man die Entschädigung nicht mehr zahlen muss und das Stromnetz stabiler bleibt, wird es doch tatsächlich günstiger.
Heidebroek: Ja, aber es wäre doch viel klüger, stattdessen die Netze so auszubauen, dass sie den zusätzlichen Strom transportieren können. Außerdem würden wir uns wünschen, die Windräder nicht komplett abzuregeln. Es sollte dem Betreiber erlaubt sein, den Strom, den er gerade nicht ins Netz einspeisen kann, zu speichern und später einzuspeisen, wenn er gebraucht wird. Genau so dämpfe ich doch die Strompreise.
DIE ZEIT: Aber niemand hindert den Windparkbetreiber doch daran, sich einen Speicher auf seinen Acker zu stellen.
Heidebroek: Doch – weil der Netzbetreiber direkt das Windrad abschaltet und nicht sagt: Hier ist das Netz überlastet, macht irgendetwas anderes mit eurem Strom. Das heißt: Selbst wenn ich einen Speicher neben meinem Windrad stehen habe, darf ich ihn in dem Moment nicht füllen. Das ist doch volkswirtschaftlich absoluter Nonsens. Wir haben immer gesagt: Gebt uns die Möglichkeit, mit dem Strom zu machen, was wir wollen. Wir könnten Wärmepumpen oder Firmen direkt damit versorgen. Wir wollen da kreativ sein. Aber die jetzt geplante Reform sieht vor, dass wir in diesen Gebieten gar nicht mehr produzieren können. Das mag für die Stromnetzbetreiber technisch einfacher sein – aber wirtschaftlich sinnvoll ist das nicht. Und erst recht nicht mit EU-Recht vereinbar.
DIE ZEIT: Wogegen verstößt die Regelung denn?
Heidebroek: Das EU-Recht garantiert einen diskriminierungsfreien Zugang zum Stromnetz für Erneuerbare. Wenn das nicht möglich ist, etwa weil das Netz überlastet ist, hat man einen rechtlichen Anspruch auf Entschädigungen. Und die darf man nur in einem absoluten, konkreten Engpassfall aussetzen. Die Pläne der Regierung sehen aber vor, in stark überlasteten Gebieten generell keine Entschädigung mehr zu zahlen. Die Schwelle, ab der eine Region als netztechnisch überlastet gilt, ist viel zu niedrig: Das soll schon gelten, wenn dort eben fünf Prozent der Strommenge nicht eingespeist werden können. Wenn diese Schwelle nicht erhöht wird, werden unsere Mitglieder sicher gegen das Gesetz klagen und wir sie dabei unterstützen.
DIE ZEIT: Die Bundesregierung betont immer wieder, dass sie am Ziel von 80 Prozent Ökostromanteil bis 2030 festhält. Vielleicht ist Ihre Branche auch etwas alarmistisch unterwegs, weil Sie um Ihr Geschäftsmodell fürchten?
Heidebroek: Nein, denn der Wettbewerb in der Branche ist wirklich hart. Die lokalen Behörden müssen erst einmal die geplanten Parks genehmigen – und erst dann kann man sich an der Ausschreibung beteiligen, einen Zuschlag bekommen und wirklich den Windpark bauen. Das ist extrem teuer und braucht mehrere Jahre. Noch ist das Interesse enorm: Derzeit gibt es in Deutschland genehmigte Windparks mit einer Kapazität von 48 Gigawatt, das entspricht etwa 60 mittelgroßen Kohlekraftwerken. Aber die Regierung schreibt nur zehn Gigawatt in diesem Jahr aus. Um diese Menge konkurrieren die Firmen. Und nur die Windparkbetreiber mit den geringsten Strompreisen bekommen den Zuschlag der Regierung. Die Projekte sind also sehr auf Kante kalkuliert. Immerhin will die Regierung jetzt noch weitere Strommengen ausschreiben, aber so oder so: Der Druck, niedrige Preise anzubieten, ist enorm. Es werden sich definitiv viele Projekte nicht mehr rechnen, wenn die Gesetzentwürfe so durchkommen.
DIE ZEIT: Und das bedeutet auch Stellenabbau?
Heidebroek: Bei den Planungsfirmen von Windparks sehen wir das schon jetzt. Aber das wird sich durch die gesamte Lieferkette ziehen, vom Turbinen- bis zum Rotorblatthersteller. Wenn aber deutsche Hersteller eingehen, profitieren davon vor allem chinesische Firmen. Es kann doch niemand wollen, dass es der Windbranche am Ende wie der Solarbranche ergeht und sie von China abhängig wird.
DIE ZEIT: Ihr Verband klagt über eine ungleiche Behandlung, auch im Vergleich zu den Stromnetzbetreibern. Was meinen Sie damit?
Heidebroek: Die Erneuerbaren bekommen Auflagen, aber zu den Pflichten der Netzbetreiber und möglichen Strafzahlungen steht ganz wenig im Gesetz. Wenn in bestimmten Regionen neue Windparks ans Netz gehen, würden die Anlagenbetreiber aufgrund der fehlenden Entschädigung das gesamte Risiko tragen – obwohl der Engpass letztlich durch mangelnde Netzkapazitäten entsteht. Gleichzeitig verpasst es das Gesetz, die Netzbetreiber zu einem schnelleren Ausbau zu verpflichten. Es ist also ein Lex Netzbetreiber. Dieses Gesetzespaket verteilt die Lasten sehr einseitig auf die Erneuerbaren.
DIE ZEIT: Frau Reiche hat vormals bei einem Netzbetreiber gearbeitet. Meinen Sie, das beeinflusst ihren politischen Kompass?
Heidebroek: Natürlich prägt das. Dass einem die Probleme dort näher sind, weil man sie am eigenen Leib erlebt hat, ist ja auch völlig normal. Aber als Bundesministerin sollte sich Frau Reiche unabhängiger machen.
DIE ZEIT: Vielleicht haben aber die Ampelregierung und der grüne Wirtschaftsminister Robert Habeck wiederum einseitig die Erneuerbaren unterstützt – und den Netzausbau vernachlässigt?
Heidebroek: Ich gebe Ihnen völlig recht, dass unter der Ampelregierung die Digitalisierung und Modernisierung der Netze nicht genug vorangetrieben worden sind – obwohl klar war, dass die Netze nicht ausreichend modern sind. Manche werden sogar noch komplett analog geregelt, was viel ineffizienter ist. Das kostet uns Stromkunden über die Netzentgelte, die auf den Strompreis umgelegt werden, viel Geld.
DIE ZEIT: Die jetzige Regierung sagt, sie bringe Netzausbau und Ökostrom wieder ins Gleichgewicht.
Heidebroek: Nein, das tut sie eben nicht. Frau Reiche hat als Leitlinie ausgegeben: Weil die Netzbetreiber vorher so langsam waren, müsst ihr als Erneuerbare jetzt warten. Das ist, als hieße es bei der Gruppenarbeit in der Schule: Die einen haben sich richtig angestrengt – und müssen jetzt auf die anderen warten, die langsamer waren. Aber wer gute Vorarbeit geleistet hat, darf dafür doch nicht bestraft werden. Die anderen müssen schneller nachziehen. Dieses Gesetzespaket versetzt die Netzbetreiber nach wie vor in die Lage, am längeren Hebel zu sitzen, weil sie entscheiden, welche Windparks einspeisen und welche nicht. Und es macht den Wirtschaftsstandort unnötig teuer.
DIE ZEIT: Wie meinen Sie das?
Heidebroek: Nehmen Sie die Nationale Rechenzentrumsstrategie, mit der die Bundesregierung die Kapazitäten bis 2030 mindestens verdoppeln will. Diese Strategie fußt darauf, dass die Zentren mit Erneuerbaren Energien betrieben werden sollen. Wenn wir die aber nicht massiv ausbauen, fehlt uns für diesen Wachstumsbereich der Strom. Gleichzeitig gibt Deutschland allein dieses Jahr knapp 100 Milliarden Euro für den Import von Öl und Gas aus, und zementieren damit alte Abhängigkeiten. Das genau stört mich an der Argumentation der Bundesregierung: Es wird ein Gegensatz aufgemacht – entweder Erneuerbare oder Industrie in Deutschland. Das stimmt schlicht nicht, es braucht beides. Laut einer Analyse des Fraunhofer-Instituts für Solare Energiesysteme wäre der Strompreis ohne den Ökostromanteil während der fossilen Energiekrise im April dieses Jahres um 76 Prozent höher gewesen.
DIE ZEIT: Wenn Sie mit den jüngsten Regierungsplänen so unzufrieden sind – haben Sie als Windverband einfach auch schlecht lobbyiert?
Heidebroek: Nein, denn mit diesen Problemen sind wir nicht allein. Es geht ja allen so – auch Wirtschaftsverbänden oder den Industrie- und Handelskammern. Unter Robert Habeck, aber auch unter CDU-Minister Peter Altmaier, war das anders. Da hat es immer Branchen-Dialoge gegeben. Zwar wurde dann doch einiges verabschiedet, was uns nicht passte – aber man hatte immerhin das Gefühl, gehört zu werden. Seit ihrem Amtsantritt im Mai 2025 habe ich Katherina Reiche einmal kurz persönlich gesprochen. Auch wenn wir etwa mit dem zuständigen Staatssekretär Frank Wetzel in gutem Austausch stehen – der Dialog mit der Ministerin fehlt unserer Branche komplett.
Quelle: BWE e.V., 17.8.2026
www.wind-energie.de
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